Eine Krise mit Chancen? (Vorwort vom Präsidenten, Musik-Info Ausgabe 2/2020)

Aktualisiert: Juli 20

Liebe Leserinnen und Leser

Erinnern Sie sich noch an die Honigbienen-Geschichte in meinem letzten Vorwort (Im Musik-Info Ausgabe 01/2020)? Ich schrieb damals Folgendes: «In ihrem TED-Talk hat sie (die kanadische Imkerin) dazu ermutigt, sich im Angesicht überwältigend komplexer Herausforderungen - wie in ihrem Fall die globale Bedrohung der Bienenbestände - von den Honigbienen inspirieren zu lassen und sich nicht zu sehr um die Grösse und Relevanz des eigenen Beitrags zu sorgen». «Thinking small may be the best way to think big». Naja, mit dieser Aussage wollte ich damals natürlich nicht implizieren, dass ich das gerne mal üben würde...

Haben Sie sich in dieser Zeit auch einmal die Frage gestellt, was Ihre Rolle - oder eben Ihr Beitrag - in der Bewältigung dieser Krise ist? Für die Pfleger, Ärztinnen, LKW-Fahrer, Verkäuferinnen, Schulleiterinnen, Home- Schooler, Kinderbetreuer, Polizistinnen etc. stellte sich diese Frage eher nicht. Ich hingegen gehörte zur Gattung operarius solitarius domi, die alleinstehenden Home-Officianer. Während andere die Grundversorgung sicherstellten und Spitäler in den Krisenmodus wechselten, kam ich mir zuhause vor dem Bildschirm anfangs schon ein bisschen nutzlos vor. Der Superheld in mir hat sogar nach Möglichkeiten gegoogelt, in Spitälern oder auf Bauernhöfen auszuhelfen.

Dabei war es eigentlich ganz einfach, eine 1-zu-1 Anwendung des 1. Honigbienen-Axioms: Als Privatperson war mein Beitrag schlicht und einfach, mich dem grösseren Ganzen unterzuordnen, die Regeln so konsequent wie möglich zu befolgen, mich auf virtuelle Art und Weise um mein soziales Umfeld zu kümmern, und - wie sich herausstellen sollte - mit meinem Mitbewohner einigen Menschen in Altersheimen, Pflegewohnungen und verschiedenen Siedlungen eine kleine musikalische Freude zu bereiten.


Im Job war der Beitrag jedes Einzelnen wichtiger denn je, damit wir das Business einigermassen unbeschadet durch die raue See manövrieren konnten. Und dann war ich ja noch Präsident der SMD (also das bin ich immer noch, keine Sorge). Im Vorstand waren wir plötzlich mit Fragen konfrontiert, deren Antworten erst mal erarbeitet werden mussten.

Im Nachhinein muss ich ein bisschen über mich lachen, wie genau ich dazwischen noch bei der Spargelernte hätte helfen wollen. Aber Erkenntnis reift manchmal erst mit Repetition. Zum Beispiel die, dass man zuweilen verkrampft nach etwas sucht und dabei Gefahr läuft, das Einfache im Kleinen, das direkt vor der Nase liegt, nicht zu erkennen. So viel zu den Honigbienen.


Als der Bundesrat Mitte März klare Verhältnisse geschaffen hat, hat er uns einige knifflige Entscheidungen abgenommen (dafür verdient er übrigens meinen Dank!) aber auch für einen abrupten Stillstand des Vereinslebens gesorgt. Zum ersten Mal in der Geschichte der SMD mussten sämtliche Anlässe inkl. Jahreskonzert abgesagt und die GV verschoben werden. Abgesehen davon, dass die vorläufige Sistierung unseres Tanz-Projekts sehr schmerzte, stellten sich damit einige rechtliche und finanzielle Fragen. Regierung und Verbände boten diesbezüglich aber enorm schnell Hand. Ausserdem möchte ich mich an der Stelle bei unseren treuen Gönnern und Sponsoren für die Unterstützung trotz Ausfall des Jahreskonzerts bedanken!

Genauso unerwartet wie wichtig war die Frage, wie wir ein bisschen Leben im Verein aufrechterhalten könnten, und welche Auswirkungen die Abstinenz mittelfristig auf unsere musikalische Fitness haben würde. Ob die Sorge berechtigt war, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Die verschiedenen musikalischen Projekte aus unseren Reihen wie Zehnders’Alphornduett oder das Gabriella’s Song Cover des Posaunenregisters sind auf jeden Fall erheiternde Zeugen der Kreativität, die sich in der allgemeinen Entschleunigung im Alltag entfaltete. Ebenso in guter Erinnerung bleiben die Musik-Quiz via Zoom, welche wenigstens zu virtuellem Vereinsleben beitrugen.

Die kommenden Wochen und Monate werden mit Bestimmheit interessant. Während die Lockdown-Massnahmen sukzessive gelockert wurden, verbleibt die Ungewissheit für Musikvereine, in welcher Form Proben und Konzerte in Zukunft durchgeführt werden können. Ich sehe darin aber auch Chancen.



Wir werden zu mutigen Entscheidungen gezwungen, zu andersartigen musikalischen Aktivitäten motiviert und kommen auch sonst auf allerhand unkonventionelle Ideen. Oder haben Sie schon mal an einer Outdoor GV mit Openair-Stühlen und Dosenbier bei einer LKW-Rampe teilgenommen? Eine heitere Angelegenheit, auch mit 2 Meter Abstand.

Es ist unbestritten, dass wir an den Folgen dieser Pandemie auf verschiedenen Ebenen

noch lange nagen werden. Als Jünger des grenzwertig naiven Chancendenkertums möchte ich den Fokus dennoch auf ein paar sehr erheiternde Nebenwirkungen lenken: Die Digitalisierung hat - auch im Vorstand - bestens funktioniert und wird wohl einen nachhaltigen Effekt haben. War der Tenor zum Thema Microsoft Teams Anfang Jahr noch «Nö, brauchen wir nicht», diskutieren wir jetzt darüber, inwiefern Besprechungen in Zukunft grundsätzlich virtuell stattfinden könnten.

Die Wertschätzung der kleinen Freuden im Leben (und des Freude-Bereitens) hat eine Renaissance erfahren. Ich denke an die allabendlichen Alphornkonzerte oder die musikalischen Besuche in Altersheimen.


Das Bedürfnis nach und die Wertschätzung von sozialem Kontakt wurde einem sehr bewusst in den letzten Monaten. Sei das bei Gesprächen über den Gartenzaun, Geburtstagspartys via Zoom oder bei uns in der SMD. Ich freue mich auf die Stimmung beim Wiedersehen.

Können wir das beibehalten? Ich wäre nicht ich, wenn ich nicht daran glauben würde. Ich werde auf jeden Fall versuchen, meinen Teil dazu beizutragen.


Fabian Zwimpfer

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